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PRESSEMELDUNG DER SOPHIE-CHARLOTTE-OBERSCHULE BERLIN ÜBER DIE 5. SOIRÉE (23.Mai 2000)

 

Schon die Zahl der Gäste, die der Einladung zur „5. Soirée bei Sophie Charlotte“am 23. Mai 2000 gefolgt waren, zeigte, dass diese Veranstaltung für eine besondere gehalten wurde. Es mögen an die 300 Personen präsent gewesen sein, darunter der Botschafter der Republik Polen, Herr Dr. Andrzej Byrt, nebst einigen Mitarbeitern sowie Schüler und Kollegen des Warschauer Witkacy-Gymnasiums, mit dem das Sophie-Charlotte-Gymnasium seit 1998 einen Austausch betreibt, gemeinsam mit dem Erich-Fried-Gymnasium in Friedrichshain, welches ebenfalls vertreten war. Und zum ersten Mal, und dies gleich in größerer Zahl, waren auch Vertreter der Medien zugegen, u.a. das Erste Polnische Fernsehen.

Publikumsmagnet war ohne Zweifel Volker Schlöndorff, weltberühmter Regisseur des Films „Die Blechtrommel“, der ausschnittweise Thema des Abends sein würde. Der Verlauf der Veranstaltung zeigte aber, dass der zweite Gast, der in der Einladung angekündigt worden war, im Mittelpunkt der Ereignisse stehen sollte. Es handelte sich um Dieter Schenk, Autor mehrerer historischer Sachbücher sowie Tatsachenromane und Honorarprofessor mit einem Lehrauftrag für die Geschichte des Nationalsozialismus an der Universität Lodz.

Das die beiden Herren verbindende (und die starke polnische Präsenz in der Aula erklärende) Element ist die Polnische Post in Danzig unmittelbar zu Beginn des Zweiten Weltkrieges. Deren Schicksal sowie das ihrer Mitarbeiter am 1. September 1939 beschreibt Schenk in seinem 1995 erschienenen Buch „Die Post von Danzig. Geschichte eines deutschen Justizmordes“ eingehend – so eingehend, dass der verbrecherische Charakter der 38 Todesurteile gegen polnische Postbedienstete durch ein deutsches Kriegsgericht im Herbst 1939 unübersehbar war. Als direkte Folge von Schenks Buch sah sich der Bundesgerichtshof veranlaßt, das Landgericht in Lübeck mit der Wiederaufnahme des Verfahrens von 1939 zu beauftragen. Dieses Gericht kassierte die Todesurteile, was wiederum Versorgungsansprüche der Angehörigen der unrechtmäßig Erschossenen an die Bundesrepublik Deutschland als Nachfolgestaat des Deutschen Reiches rechtlich möglich macht

Die von Schenk bearbeiteten Ereignisse im Postgebäude waren bereits von Günter Grass in seiner „Blechtrommel“ beschrieben und in Schlöndorffs gleichnamigem Film dargestellt worden. Die entsprechenden Szenen konnten dem Publikum mit Hilfe neuartiger, von Schlöndorff freundlicherweise zur Verfügung gestellter Videobeamtechnik gezeigt werden, wie dem Publikum auch ein Ausschnitt aus einer Arte-Sendung über die Geschichte der Stadt Danzig gezeigt wurde, der über die besondere Lage der Stadt als unter dem Schutz des Völkerbunds stehende Freie Stadt Danzig mit polnische Präsenz (Post und Armeedepot auf der Westerplatte) informierte. Ein Filmausschnitt beschäftigte sich mit der Person des NS-Gauleiters Albert Forster – von dem die „Soirée“ organisierenden Kollegen Baumgart als Hommage an Schenks jüngst erschienenes Buch „Hitlers Mann in Danzig. Gauleiter Forster und die NS-Verbrechen in Danzig-Westpreußen“ angekündigt.

Im Anschluß daran berichtete Schlöndorff über seine Arbeit an dem Film und mit Grass. Man erfuhr, dass die Figur des Jan Bronski, im Film Mitarbeiter der Polnischen Post in Danzig und mutmaßlicher Vater sowie gleichzeitig Onkel von Grass’ Romanfigur Oskar Matzerath, ein tatsächliches Vorbild hatte: einer der Erschossenen war Grass’ Onkel Jan Banaszkowsky. „Ein Schriftsteller wie Grass erfindet nichts,“ sagte Schlöndorff.

Schenk erläuterte die Entstehungsgeschichte seines Buches sowie die Gründe, die ihn dem Buch den Untertitel „Geschichte eines deutschen Justizmordes“ hatten geben lassen. Auch erfuhr das Publikum über den weiteren Werdegang der beiden verantwortlichen Juristen im bundesdeutschen Justizwesen. Die 1939 wissentlich von ihnen vorgenommene Rechtsbeugung, die immerhin zum Tod von 38 Menschen führte, behinderte ihre Karriere nicht – für viele Schüler im Publikum eine Überraschung.

Das Publikum hatte die Präsentation mit Aufmerksamkeit verfolgt, doch sollte es einen Moment richtiger Spannung erleben, als der Botschafter der Republik Polen das Wort an

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MANUSKRIPT EINES VORTRAGES, GEHALTEN AM 22. OKTOBER 2009 IN DANZIG

Dieter Schenk

AUFSTIEG UND MACHTERGREIFUNG DER NSDAP UND IHRES GAULEITERS ALBERT FORSTER

Am 23. Oktober 1939, rund sieben Wochen nach dem deutschen Überfall auf Polen, zitierte die „Deutsche Rundschau“ eine Rede des Gauleiters von Danzig-Westpreußen, Albert Forster, in der dieser ausgeführt hatte:
„Unsere Verpflichtung ist, dass wir das Land hier rücksichtslos von allem Gesindel, Räuberbanden, Pollaken und Juden säubern. Wir werden säubern, darauf könnt ihr euch verlassen! Die eindeutige Zielsetzung – Ordnung und Frieden in diesen deutschen Gau zu bringen –verlangt eine kompromisslose Haltung gegenüber den Feinden der deutschen Ordnung. Den Polen muss beigebracht werden, wer die Herren sind.
Der Deutsche hat Anspruch darauf, nachdem er zwanzig Jahre geknechtet wurde, jetzt als Herr dieses Landes aufzutreten. Wir können gar nicht hart genug sein.
In wenigen Jahren wird das Land ein anderes Gesicht haben. Unser Ziel ist, dass dieses Land in kurzer Zeit wieder hundertprozentig deutsch werde. Polen, die bei uns nichts zu suchen haben, müssen unbedingt entfernt werden.“
Der Mann, der dieses Programm vertrat, das geradewegs in den Völkermord führte, war im Herbst 1939 erst 37 Jahre alt. Dennoch gehörte Forster bereits zur alten Garde der Gauleiter.

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EXPOSÈ DES JUGENDBUCHES "WIE ICH HITLER BEINE MACHTE"

I

Als Ewa Salewski im Jahre 1924 geboren wurde, war die Stadt Danzig seit vier Jahren dem Schutz des Völkerbundes unterstellt. Ewa wuchs im Danziger Stadtviertel Oliva auf und wohnte nur ein paar Straßenzüge entfernt von der Villa eines jüdischen Getreidegroßhändlers, die Jahre später von den Nazis enteignet und von Gauleiter Forster bezogen wurde. Zu Hause sprach man ausschließlich die polnische Muttersprache. Der Vater verdiente als Erster Prokurist der „British and Polish Trade Bank“ selbst dann noch gut, als Ende der zwanziger Jahre die Arbeitslosigkeit auch in Danzig immer größer wurde. Vater war ein Patriot, er gehörte verschiedenen polnischen Vereinen an und dirigierte den Chor „Lutnia“. Besonders der sonntägliche Kirchgang bot eine Gelegenheit, dass sich die polnische Minderheit in Danzig regelmäßig traf. 96% der 410 000 Einwohner waren Deutsche. Sie wollten die Wiedervereinigung mit dem Deutschen Reich, und vielen von ihnen waren die polnischen Mitbürger bereits vor der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten ein Dorn im Auge.
Ihre Kindheit genoss Ewa in vollen Zügen. Sie liebte Danzig zu jeder Jahreszeit: Im Frühjahr den Langen Markt, wo sich die Familien beim Spazierengehen begegneten, im Winter das Schlittschuhlaufen auf der Mottlau, im Sommer das Baden im Zoppoter Strandbad und im Herbst die Ausflüge in das Weichselland, als sie sich ihr erstes eigenes Auto leisten konnten. Manchmal wurde Ewa auch zu Konzerten in der Waldoper mitgenommen, das war eher langweilig -  im Gegensatz zur Aufführung  von „Max und Moritz“ im Stadttheater. Einmal überflog der Zeppelin die Stadt -  ein besonderes Ereignis, das sich einprägte.
Die Volksschule besuchte Ewa gemeinsam mit deutschen und jüdischen Kindern. Marianne Kowalski, ihre Freundin, ging in ihre Klasse; Mariannes Bruder Horst war ein Jahr älter und interessierte sich nur manchmal für Ewa, oft verhielt er sich gleichgültig - das empfand Ewa enttäuschend, denn sie fühlte sich zu ihm hingezogen. Die Kowalskis, ihre Nachbarn, galten als sogenannte Volksdeutsche. Im Zaun zwischen ihren Gärten gab es ein Loch, durch das die Kinder schlüpften, um miteinander zu spielen. Walter Kowalski, der Vater, arbeitete bei der Stadtverwaltung im Einwohnermeldeamt.

II

Als Ewa 1933 in das Polnische Gymnasium kam und sich damit auch die Schulwege der beiden Freundinnen trennten, fingen erste Probleme an, denn die Nationalsozialisten begannen konsequent, den Menschen ihre Politik aufzuzwingen. Die neuen Machthaber, die jetzt auch im Gau-Kulturamt saßen, verlangten, dass nur noch in deutscher Sprache unterrichtet werde und schrieben vor, welche Schulbücher benutzt werden durften. Einzelne Lehrer verschwanden vom einen Tag auf den anderen. Manche kehrten nach vier oder acht Wochen zurück und berichteten hinter vorgehaltener Hand, man habe sie vorübergehend in „Schutzhaft“ genommen. Als die Kontrollen immer strenger wurden, trafen sich die Schülerinnen und Schüler mit einigen Lehrern heimlich nachmittags, um polnische Sprache und polnische Literatur zu studieren.
Wenn Ewa  mit anderen Kindern in ihren polnischen Pfadfinderuniformen durch die Straßen zog, wurden sie bespuckt oder man rief hinter ihnen her: „Ihr polnischen Schweine, raus aus Danzig!“ Es kam vor, dass ihnen zum Schulschluss deutsche Jungens auflauerten, um sie zu verprügeln, weshalb sie regelmäßig der Vater oder ein Onkel mit ihrem Auto abholte. Einmal erlebte Marianne, wie Ewa vor ihrer Schule bedroht wurde, wagte aber nicht, sich einzumischen.

Die Pfadfinderuniform war ein Ausdruck des Trotzes, sich als Minderheit der Bevölkerung zu behaupten, sich nicht anzupassen und sich nicht zu beugen. Ewa wurde durch ...

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Nazi-Opfer Bischof Splett
Tygodnik Powszechny Krakau 18.11.2001
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